Die tote Hypertextphilosophie

Ist die praktische Anwendung von Hypertext durch die neuen Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung viel leichter geworden, so hinkt die Theorie nach, schlimmer, kein elektronisches Hypertextsystem schafft es auch nur ansatzweise, ähnliche Leistungen wie eine Enzyklopädie zu erbringen. Statt sich dem Problem durch kontinuierliche theoretische, später in die Praxis umgesetzte Überlegungen zu nähern, wird spätestens seit der Erfindung des World Wide Webs an nichts anderem mehr als an niederen, technischen, letztlich irrelevanten Problemen gearbeitet. Datenspeicherung, Datenübertragung, Datenvernetzung werden weiterentwickelt, doch niemand macht sich um das System an sich Gedanken. Gefangen in einem für richtigen Hypertext unbrauchbaren Korsett irrt das World Wide Web dahin, gebeutelt von zeitgeistigen Strömungen wie elektronischen Tagebüchern, aber ohne sich tatsächlich weiterzuentwickeln, alles zergliedert sich, alles ist innert kürzester Zeit unauffindbar, verworfen, verwaschen, zerstört. Man muss sich bemühen, zu retten, was zu retten ist und vermag es doch trotzdem nicht, so simple Probleme wie dauerhaftes Referenzieren zu lösen, was bei einem Hypertextsystem doch elementar wäre.

Doch welche Perspektiven bieten sich, sieht man von kurzfristigen Übergangslösungen à la Wiki ab? Denkbär wäre es, die schon vor langer Zeit stehengebliebene Entwicklung auf der Autorenseite voranzutreiben, womit natürlich nicht Details wie bessere Redaktionssysteme gemeint sein können, nein, eine vollständige Neudefinition ist hier gefragt. Denn, denkt man sich, dass die selten linearen Gedankengänge des Menschen, das vernetzte Denken an sich, dem System eines Hypertextes zugute kommt, so überlegt man richtig, nur wird dies schlicht nicht berücksichtigt. Statt dem Autoren eine Handreichung fernab von automatischen Datumseinfügungen zu geben, wird versucht, dem Problem mit einer überbordenden Menge an Hilfmitteln für die technischen Aspekte Herr zu werden, sprich, Programme zur Erstellung von Seiten zu entwickeln. Jenseits der Beschränkungen, die die etablierten Hypertextmittel wie etwa Enzyklopädien dem Autor aufzwingen, könnte man dem Autor doch mit moderner Rechenleistung helfen, sich auf das wesentlich zu konzentrieren, den Text, anstatt sich mit Unsinnigkeiten auseinanderzusetzen.

Einzuläuten ist also eine Epoche, die der konzeptionellen Entwicklung mehr Raum gibt, die die technischen Aspekte, wie Auszeichungssprachenentwicklung, gebührend würdigt, die aber ebenso darauf drängt, sich nicht von technischem Pragmatismus bei der Entwicklung eines Systemes bëirren zu lassen.