Buch von der deutschen Snowclonerey
Emmanuel
Maria
Dammerer
Version 1.0, 6. Juli 2007
Zusammenfassung:Versuch einer Definition der Snowclones mit bekannten deutschsprachigen Beispielen.
Abstract:A preliminary definition of the snowclone phenomenon, including a list of frequent German examples.
Autor und Danksagungen: Der Autor studiert Germanistik, Mathematik und Pädagogik an der Universität Wien und freut sich über Hinweise und Kommentare per E-Mail. Besonderer Dank gilt Johannes Emerich, Marlies Gerhard, Sebastian Kochendörfer, Jeena Paradies, Tim Tepaße und Daniel Thoma.
Eine Art Einleitung
Snowclone ist ein junger linguistischer Terminus, der von Geoffrey K. Pullum im Language Log als »multi-use, customizable, instantly recognizable, time-worn, quoted or misquoted phrase or sentence that can be used in an entirely open array of different jokey variants by lazy journalists and writers« beschrieben wurde. Der Begriff stammt von Glen Whitman.
Dieser Artikel schlägt einerseits eine Definition der Snowclones und einige Begriffe zu ihrer Analyse vor, andererseits beschreibt er einige Beispiele in deutscher Sprache. Für tiefergehende syntaktische, semantische und pragmatische Untersuchungen wird auf die Zukunft verwiesen.
Gegenstand und Methode der Untersuchung
Das Phänomen der Snowclones ist nur schwer abgrenzbar; bisherige Auflistungen und Untersuchungen verwenden einen intuitiven, nicht durch Definitionen gestützten Korpus an Beispielen. Wir schlagen daher als Arbeitshypothese eine Definition des Snowclones vor, der sich auf drei Merkmale als Mindestanforderung stützt: Permutation, Prävalenz und Referenz.
- Permutation: Die Phrase muss syntaktisch und semantisch mehrere Permutationen erlauben.
- Prävalenz: Die permutierte Phrase muss hinreichend verbreitet sein.
- Referenz: Die permutierte Phrase muss für den kundigen Sprachanwender einen Bezug zur Originalphrase erkennen lassen oder nahelegen, dass eine solche Originalphrase existiert.
Terminologie
Ein Snowclone ist also eine permutierte, prävalente und referentielle Phrase. Zur Beschreibung von Snowclones schlagen wir folgende Begriffe vor: Erfüllt eine Phrase die Kriterien der Permutation und der Referenz, fehlt ihr jedoch die Prävalenz, wird sie als Protosnowclone bezeichnet. Die veränderlichen Teile werden als Substituenten bezeichnet und nach ihrer Reihenfolge im Snowclone mit den Buchstaben X, Y oder Z abgekürzt. Zahlen können auch als N geschrieben werden. Substituenten, die das Kriterium der Referenz stören, werden als Pseudosubstituenten bezeichnet, solche, die Snowclones bilden, als echte Substituenten. Der ursprüngliche Substituent wird als Primärsubstituent bezeichnet und mit X0 bezeichnet. Der unveränderliche Teil der Phrase wird als Matrix, veränderliche Teile der Matrix, die nicht bedeutungsunterscheidend sind, werden als variable Teile der Matrix bezeichnet.
Literatur
Eine umfangreiche Bibliographie zum Thema fehlt derzeit. Einstweilen wird auf den deutschen und den englischen Artikel in der Wikipedia verwiesen. Das Language Log lieferte als Zentralorgan der Snowcloneforschung bisher 135 Artikel zum Thema. Ambitioniert, aber noch nicht vollständig ist die The Snowclone Database. Snowclone.pl ist eine unverzichtbare Hilfe für die quantitative Substituentenanalyse. Erschütternd ist das neue geil von Alex Rühle ist eine launige Beschreibung eines Snowclones.
Short list der Snowclones
- X Y für ein Halleluja
- X du noch oder Y du schon?
- X ist abgebrannt
- X ist tot, lang lebe X.
- X ist überall
- X? Nein danke!
- X oder nicht X?
- X, praktisch, gut.
- X sehen und sterben
- X und Y lassen
- Alle Wege führen nach X
- Am Anfang war das X
- Das Leben ist kein X
- Deutschland X den Super-Y
- Die Geschichte X ist eine Geschichte voller Missverständnisse
- Du bist X!
- Ein X kommt selten allein.
- Ein X ist ein X ist ein X.
- Für eine Handvoll X
- Ich X, also bin ich.
- Ist das noch X oder ist das schon Y?
- Mein Königreich für X
- Nicht ohne meinen X
- Tod eines X
- Und ewig lockt X
- Und täglich grüßt X
- Von X lernen heißt siegen lernen.
- Wir sind X!
- Wo X draufsteht ist auch X drin.
Protosnowclones
- X Y Einsamkeit (Hundert Jahre Einsamkeit)
- X ist das neue Schwarz
- Die X sind unser Unglück! (Die Juden sind unser Unglück!)
- Ein guter Tag beginnt mit X (Ein guter Tag beinnt mit einem sanierten Budget)
- Eine andere X ist möglich (Eine andere Welt ist möglich)
- Ich kam, sah und X (Ich kam, sah und siegte)
- Im übrigen bin ich der Meinung, dass X (Im übrigen bin ich der Meinung, dass Kathargo zerstört werden muss.)
- Was man im allgemeinen unter X versteht, ist als bekannt vorauszusetzen. (Was man im allgemeinen unter Erziehung versteht, ist als bekannt vorauszusetzen.)
- Wir nennen es X (Wir nennen es Arbeit)
- Wollt ihr den totalen X? (Wollt ihr den totalen Krieg?)
Liste von Snowclones
Die Beispiele sind keine methodisch oder zeitlich begründete Auswahl, sondern sollen vor allem die Verwendung der Snowclones in der Sprachrealität illustrieren; sie sind bevorzugt überregionalen deutschsprachigen Medien entnommen.
| Original |
Vier Fäuste für ein Halleluja |
| Herkunft |
Filmtitel (… continuavano a chiamarlo Trinità, 1972) |
| X |
Zahl |
| Y |
Substantiv |
Beispiele:
| Original |
Wohnst du noch oder lebst du schon? |
| Herkunft |
Werbeslogan (IKEA, 2002) |
| X |
Verb |
| Y |
Verb |
Beispiele:
| Original |
Pommernland ist abgebrannt |
| Herkunft |
Liedzeile (Maikäfer flieg, 1781) |
| X |
Substantiv mit Suffix -land |
Beispiele:
| Original |
Der König ist tot, lang lebe der König |
| Herkunft |
Formel anlässlich einer Thronbesteigung (1422) |
| X |
Substantiv, teilweise mit Artikel |
Beispiele:
- (Kaum mediale Fundstellen)
| Original |
(Referenz umstritten) |
| Herkunft |
(Referenz umstritten) |
| X |
Substantiv (Toponym) |
Beispiele:
| Original |
Atomkraft? Nein danke |
| Herkunft |
Werbeslogan (Atomkraftgegner) |
| X |
universal |
Beispiele:
| Original |
Sein oder nicht sein? |
| Herkunft |
Literaturzitat (Hamlet, 1603) |
| X |
universal |
Beispiele:
| Original |
Quadratisch, praktisch, gut. |
| Herkunft |
Werbeslogan (Ritter Sport) |
| X |
Adjektiv |
Beispiele:
| Original |
Neapel sehen und sterben |
| Herkunft |
Übernahme aus dem Italienischen (Vedi Napoli e poi muori) |
| X |
Substantiv (Toponym) |
Beispiele:
| Original |
Leben und leben lassen |
| Herkunft |
Friedrich von Schiller: Wallensteins Lager (1797) |
| X |
Verb |
| Y |
Verb |
Beispiele:
| Original |
Alle Wege führen nach Rom. |
| Herkunft |
Geflügeltes Wort |
| X |
Substantiv (Toponym) |
Beispiele:
- Alle Wege führen nach Riem (Süddeutsche, 2005)
- Alle Wege führen nach Köln (FAZ, 2005)
- Alle Wege führen nach Wien. (Dietmar Grieser, 2002)
| Original |
Am Anfang war das Wort |
| Herkunft |
Bibelwort (Joh 1,1) |
| X |
Substantiv |
Beispiele:
| Original |
(Referenz umstritten) |
| Herkunft |
(Referenz umstritten) |
| X |
Substantiv |
Beispiele:
| Original |
Deutschland sucht den Superstar |
| Herkunft |
Fernsehsendungstitel (2002) |
| X |
Verb |
| Y |
Substantiv mit Präfix Super- |
Beispiele:
| Original |
Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse. |
| Herkunft |
Werbeslogan (o.b.) |
| X |
Artikel und Substantiv |
Beispiele:
- Die Geschichte der Gebrauchsanleitungen ist eine Geschichte voller Missverständnisse. (Der Spiegel, 2006)
- Die Geschichte des Spinats ist eine Geschichte voller Missverständnisse. (Der Standard, 2005)
- Die Geschichte des Fußballers Jens Nowotny ist eine Geschichte voller Missverständnisse. (Der Spiegel, 2004)
| Original |
Du bist Deutschland! |
| Herkunft |
Werbeslogan (2005) |
| X |
Substantiv |
Beispiele:
| Original |
Ein Unglück kommt selten allein. |
| Herkunft |
Bibelwort (Ez 7,5) |
| X |
Substantiv |
Beispiele:
- Ein Forscher kommt selten allein. (Die Zeit, 2003)
- Ein Becker kommt selten allein (Der Spiegel, 2000)
- Ein Duke kommt selten allein (Filmreihe (The Dukes of Hazzard), 1979–1985)
| Original |
A rose is a rose is a rose |
| Herkunft |
Zitat (Gertrude Stein, 1913) |
| X |
Substantiv |
Beispiele:
- Ein Klick ist ein Klick ist ein Klick (NZZ, 2006)
- Ein Studienabschluss ist ein Studienabschluss ist ein Studienabschluss (Die Zeit, 2004)
- ein Fischstäbchen ist ein Fischstäbchen ist ein Fischstäbchen (FAZ, 2000)
| Original |
Für eine Handvoll Dollar |
| Herkunft |
Filmtitel (Per un pugno di dollari, 1964) |
| X |
Substantiv |
Beispiele:
| Original |
Ich denke, also bin ich |
| Herkunft |
Zitat (René Descartes, 1641) |
| X |
Verb |
Beispiele:
| Original |
(Referenz umstritten) |
| Herkunft |
(Referenz umstritten) |
| X |
Substantiv |
| Y |
Substantiv |
Beispiele:
| Original |
Mein Königreich für ein Pferd |
| Herkunft |
Richard III (William Shakespeare, 1597) |
| X |
Artikel und Substantiv |
Beispiele:
| Original |
(Referenz umstritten) |
| Herkunft |
(Referenz umstritten) |
| X |
Substantiv |
Beispiele:
| Original |
Tod eines Handlungsreisenden |
| Herkunft |
Dramentitel (Arthur Miller, 1949) |
| X |
Substantiv |
Beispiele:
- Tod eines Groschenromanhelden (FAZ, 2006)
- Tod eines Populisten (Die Zeit, 2004)
- Tod eines Kritikers (Martin Walser, 2002)
| Original |
Und ewig lockt das Weib |
| Herkunft |
Filmtitel (Et Dieu … créa la femme, 1956) |
| X |
Artikel und Substantiv |
Beispiele:
| Original |
Und täglich grüßt das Murmeltier |
| Herkunft |
Filmtitel (Groundhog Day, 1993) |
| X |
Artikel und Substantiv |
Beispiele:
| Original |
Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen. |
| Herkunft |
Propaganda (DDR) |
| X |
Substantiv |
Beispiele:
| Original |
Wir sind Papst. |
| Herkunft |
Schlagzeile (BILD, 2005)
|
| X |
Substantiv |
Beispiele:
| Original |
Nur wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin. |
| Herkunft |
Werbeslogan (Nutella, 1979) |
| X |
universal |
Beispiele:
- Denn wo Darwin draufsteht, ist auch Darwin drin. (FAZ, 2005)
- Nur wo Bundesliga draufsteht, ist auch Bundesliga drin. (Die Zeit, 2003)
- Wo türkisch draufsteht, ist auch türkisch drin. (Süddeutsche, 2002)