Buch von der deutschen Snowclonerey

Emmanuel Maria Dammerer
Version 1.1, 25. August 2007 (Vorversionen)

Zusammenfassung: Versuch einer Definition der Snowclones mit bekannten deutschsprachigen Beispielen.

Abstract: A preliminary definition of the snowclone phenomenon, including a list of frequent German examples.

Autor und Danksagungen: Der Autor studiert Germanistik, Mathematik und Pädagogik an der Universität Wien und freut sich über Hinweise und Kommentare per E-Mail. Besonderer Dank gilt Johannes Emerich, Christine Enzinger, Marlies Gerhard, Gabriele Höfler, Sebastian Kochendörfer, Jeena Paradies, Henryk Plötz, Sven Rheindorf, Tim Tepaße, Daniel Thoma und Steffen Vogel.

Eine Art Einleitung

Snowclone ist ein junger linguistischer Terminus, der von Geoffrey K. Pullum im Language Log als »multi-use, customizable, instantly recognizable, time-worn, quoted or misquoted phrase or sentence that can be used in an entirely open array of different jokey variants by lazy journalists and writers« beschrieben wurde. Der Begriff stammt von Glen Whitman.

Dieser Artikel schlägt einerseits eine Definition der Snowclones und einige Begriffe zu ihrer Analyse vor, andererseits beschreibt er einige Beispiele in deutscher Sprache. Für tiefergehende syntaktische, semantische und pragmatische Untersuchungen wird auf die Zukunft verwiesen.

Gegenstand und Methode der Untersuchung

Das Phänomen der Snowclones ist nur schwer abgrenzbar; bisherige Auflistungen und Untersuchungen verwenden einen intuitiven, nicht durch Definitionen gestützten Korpus an Beispielen. Wir schlagen daher als Arbeitshypothese eine Definition des Snowclones vor, die sich auf drei Merkmale als Mindestanforderung stützt: Permutation, Prävalenz und Referenz.

Terminologie

Ein Snowclone ist also eine permutierte, prävalente und referentielle Phrase. Zur Beschreibung von Snowclones schlagen wir folgende Begriffe vor: Erfüllt eine Phrase die Kriterien der Permutation und der Referenz, fehlt ihr jedoch die Prävalenz, wird sie als Protosnowclone bezeichnet. Die veränderlichen Teile werden als Substituenten bezeichnet und nach ihrer Reihenfolge im Snowclone mit den Buchstaben X, Y oder Z abgekürzt. Zahlen können auch als N geschrieben werden. Substituenten, die das Kriterium der Referenz stören, werden als Pseudosubstituenten bezeichnet, solche, die Snowclones bilden, als echte Substituenten. Der ursprüngliche Substituent wird als Primärsubstituent bezeichnet und mit X0 bezeichnet. Der unveränderliche Teil der Phrase wird als Matrix, veränderliche Teile der Matrix, die nicht bedeutungsunterscheidend sind, werden als variable Teile der Matrix bezeichnet.

Literatur

Eine umfangreiche Bibliographie zum Thema fehlt derzeit. Einstweilen wird auf den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia verwiesen (sein deutschsprachiges Äquivalent fiel einer Löschdiskussion zum Opfer). Das Language Log lieferte als Zentralorgan der Snowcloneforschung bisher 135 Artikel zum Thema. Ambitioniert, aber noch nicht vollständig ist die The Snowclone Database. Snowclone.pl ist eine unverzichtbare Hilfe für die quantitative Substituentenanalyse. Erschütternd ist das neue geil von Alex Rühle ist eine launige Beschreibung eines Snowclones.

Short list der Snowclones

  1. X Y für ein Halleluja
  2. X, dein Name ist Y
  3. X du noch oder Y du schon?
  4. X ist abgebrannt
  5. X ist menschlich
  6. X ist tot, lang lebe X.
  7. X ist überall
  8. X? Nein danke!
  9. X oder nicht X?
  10. X, praktisch, gut.
  11. X sehen und sterben
  12. X und Y lassen
  13. Alle reden von X. Wir nicht.
  14. Alle Wege führen nach X
  15. Am Anfang war das X
  16. Ausweitung der X
  17. Das Leben ist kein X
  18. Der mit dem X Y
  19. Deutschland X den Y
  20. Deutschland, deine X
  21. Die Geschichte X ist eine Geschichte voller Missverständnisse
  22. Die unerträgliche Leichtigkeit des X
  23. Du bist X!
  24. Ein X kommt selten allein.
  25. Ein X ist ein X ist ein X.
  26. Eine X macht noch keinen Y
  27. Für eine Handvoll X
  28. Generation X
  29. Ich X, also bin ich.
  30. Ist das noch X oder ist das schon Y?
  31. Mein Königreich für X
  32. Mit Schirm, Charme und X
  33. Nach X ist vor X
  34. Nicht ohne meinen X
  35. Sind wir nicht alle ein bisschen X?
  36. Stell dir vor, es ist X und keiner geht hin.
  37. Tod eines X
  38. Und ewig lockt X
  39. Und täglich grüßt X
  40. Unser Mann in X
  41. Von X lernen heißt siegen lernen.
  42. Wir sind X!
  43. Wo X draufsteht ist auch X drin.

Protosnowclones

  1. X Y Einsamkeit (Hundert Jahre Einsamkeit)
  2. X darf nicht Y werden (Wien darf nicht Chicago werden)
  3. X ist das neue Schwarz
  4. Die X sind unser Unglück! (Die Juden sind unser Unglück!)
  5. Ein guter Tag beginnt mit X (Ein guter Tag beinnt mit einem sanierten Budget)
  6. Eine andere X ist möglich (Eine andere Welt ist möglich)
  7. Ich kam, sah und X (Ich kam, sah und siegte)
  8. Im übrigen bin ich der Meinung, dass X (Im übrigen bin ich der Meinung, dass Kathargo zerstört werden muss.)
  9. Uns bleibt immer noch X (Uns bleibt immer noch Paris)
  10. Was man im allgemeinen unter X versteht, ist als bekannt vorauszusetzen. (Was man im allgemeinen unter Erziehung versteht, ist als bekannt vorauszusetzen.)
  11. Wir nennen es X (Wir nennen es Arbeit)
  12. Wollt ihr den totalen X? (Wollt ihr den totalen Krieg?)

Liste von Snowclones

Die Beispiele sind keine methodisch oder zeitlich begründete Auswahl, sondern sollen vor allem die Verwendung der Snowclones in der Sprachrealität illustrieren; sie sind bevorzugt überregionalen deutschsprachigen Medien entnommen.

X Y für ein Halleluja

Original Vier Fäuste für ein Halleluja
Herkunft Filmtitel (… continuavano a chiamarlo Trinità, 1972)
X Zahl
Y Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

X, dein Name ist Y

Original Schwachheit, dein Name ist Weib!
Herkunft Literaturzitat (Hamlet, 1603)
X Substantiv
Y Substantiv
Version 1.1

Beispiele:

Äquivalente

X du noch oder Y du schon?

Original Wohnst du noch oder lebst du schon?
Herkunft Werbeslogan (IKEA, 2002)
X Verb
Y Verb
Version 1.0

Beispiele:

X ist abgebrannt

Original Pommernland ist abgebrannt
Herkunft Liedzeile (Maikäfer flieg, 1781)
X Substantiv mit Suffix -land
Version 1.0

Beispiele:

X ist menschlich

Original Irren ist menschlich
Herkunft Zitat
X Verb
Version 1.1

Beispiele:

Äquivalente

X ist tot, lang lebe X.

Original Der König ist tot, lang lebe der König
Herkunft Formel anlässlich einer Thronbesteigung (1422)
X Substantiv, teilweise mit Artikel
Version 1.1 (1.0)

Beispiele:

Äquivalente

X ist überall

Original (Referenz umstritten)
Herkunft (Referenz umstritten)
X Substantiv (Toponym)
Version 1.0

Beispiele:

X? Nein danke!

Original Atomkraft? Nein danke
Herkunft Werbeslogan (Atomkraftgegner)
X universal
Version 1.0

Beispiele:

X oder nicht X?

Original Sein oder nicht sein?
Herkunft Literaturzitat (Hamlet, 1603)
X universal
Version 1.1 (1.0)

Beispiele:

Äquivalente

X, praktisch, gut.

Original Quadratisch, praktisch, gut.
Herkunft Werbeslogan (Ritter Sport)
X Adjektiv
Version 1.0

Beispiele:

X sehen und sterben

Original Neapel sehen und sterben
Herkunft Übernahme aus dem Italienischen (Vedi Napoli e poi muori)
X Substantiv (Toponym)
Version 1.1 (1.0)

Beispiele:

Äquivalente

X und Y lassen

Original Leben und leben lassen
Herkunft Friedrich von Schiller: Wallensteins Lager (1797)
X Verb
Y Verb
Version 1.1 (1.0)

Beispiele:

Äquivalente

Alle reden von X. Wir nicht.

Original Alle reden vom Wetter. Wir nicht.
Herkunft Werbeslogan (Deutsche Bahn, 1966)
X Substantiv
Version 1.1

Anmerkungen:

Beispiele:

Literatur

Alle Wege führen nach X

Original Alle Wege führen nach Rom.
Herkunft Geflügeltes Wort
X Substantiv (Toponym)
Version 1.1 (1.0)

Beispiele:

Äquivalente

Am Anfang war das X

Original Am Anfang war das Wort
Herkunft Bibelwort (Joh 1,1)
X Substantiv
Version 1.1 (1.0)

Beispiele:

Äquivalente

Ausweitung der X

Original Ausweitung der Kampfzone
Herkunft Buchtitel (Michel Houellebecq, 1994)
X Substantiv mit Suffix -zone
Version 1.1

Beispiele:

Das Leben ist kein X

Original (Referenz umstritten)
Herkunft (Referenz umstritten)
X Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

Der mit dem X Y

Original Der mit dem Wolf tanzt
Herkunft Filmtitel (Dances with Wolves, 1990)
X Substantiv
Y Verb
Version 1.1

Beispiele:

Äquivalente

Deutschland X den Y

Original Deutschland sucht den Superstar
Herkunft Fernsehsendungstitel (2002)
X Verb
Y Substantiv mit Präfix Super-
Version 1.0

Beispiele:

Deutschland, deine X

Original (Referenz umstritten)
Herkunft (Referenz umstritten)
X Substantiv
Version 1.1

Beispiele:

Die Geschichte X ist eine Geschichte voller Missverständnisse

Original Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse.
Herkunft Werbeslogan (o.b.)
X Artikel und Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

Die unerträgliche Leichtigkeit des X

Original Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Herkunft Buchtitel (Milan Kundera, 1984)
X Substantiv
Version 1.1

Beispiele:

Äquivalente

Du bist X!

Original Du bist Deutschland!
Herkunft Werbeslogan (2005)
X Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

Ein X kommt selten allein.

Original Ein Unglück kommt selten allein.
Herkunft Bibelwort (Ez 7,5)
X Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

Ein X ist ein X ist ein X.

Original A rose is a rose is a rose
Herkunft Zitat (Gertrude Stein, 1913)
X Substantiv
Version 1.1 (1.0)

Beispiele:

Äquivalente

Eine X macht noch keinen Y

Original Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer
Herkunft Zitat (Äsop)
X Substantiv
Y Substantiv
Version 1.1

Beispiele:

Literatur

Für eine Handvoll X

Original Für eine Handvoll Dollar
Herkunft Filmtitel (Per un pugno di dollari, 1964)
X Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

Generation X

Original (Referenz umstritten)
Herkunft (Referenz umstritten)
X Substantiv
Version 1.1

Beispiele:

Ich X, also bin ich.

Original Ich denke, also bin ich
Herkunft Zitat (René Descartes, 1641)
X Verb
Version 1.1 (1.0)

Beispiele:

Äquivalente

Ist das noch X oder ist das schon Y?

Original (Referenz umstritten)
Herkunft (Referenz umstritten)
X Substantiv
Y Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

Mein Königreich für X

Original Mein Königreich für ein Pferd
Herkunft Richard III (William Shakespeare, 1597)
X Artikel und Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

Äquivalente

Mit Schirm, Charme und X

Original Mit Schirm, Charme und Melone
Herkunft Fernsehserientitel (The Avengers, 1961)
X Substantiv
Version 1.1

Beispiele:

Nach X ist vor X

Original Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Herkunft Zitat (Sepp Herberger)
X Artikel und Substantiv
Version 1.1

Beispiele:

Nicht ohne meinen X

Original (Referenz umstritten)
Herkunft (Referenz umstritten)
X Substantiv
Version 1.1 (1.0)

Beispiele:

Äquivalente

Sind wir nicht alle ein bisschen X?

Original Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna
Herkunft Werbeslogan (Bluna, 1995)
X Substantiv
Version 1.1

Beispiele:

Literatur

Stell dir vor, es ist X und keiner geht hin.

Original Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.
Herkunft Zitat (Carl Sandburg, 1936)
X Substantiv
Version 1.1

Beispiele:

Literatur

Tod eines X

Original Tod eines Handlungsreisenden
Herkunft Dramentitel (Arthur Miller, 1949)
X Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

Und ewig lockt X

Original Und ewig lockt das Weib
Herkunft Filmtitel (Et Dieu … créa la femme, 1956)
X Artikel und Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

Und täglich grüßt X

Original Und täglich grüßt das Murmeltier
Herkunft Filmtitel (Groundhog Day, 1993)
X Artikel und Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

Unser Mann in X

Original Unser Mann in Havanna
Herkunft Buchtitel (Our man in Havanna, 1958)
X Substantiv (Toponym)
Version 1.1

Beispiele:

Äquivalente

Von X lernen heißt siegen lernen.

Original Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen.
Herkunft Propaganda (DDR)
X Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

Wir sind X!

Original Wir sind Papst.
Herkunft Schlagzeile (BILD, 2005)
X Substantiv
Version 1.0

Beispiele:

Wo X draufsteht ist auch X drin.

Original Nur wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin.
Herkunft Werbeslogan (Nutella, 1979)
X universal
Version 1.0

Beispiele:

Versionen

1.1 (2007-08-25) 43 Snowclones / 12 Pseudosnowclones
1.0.1 (2007-07-10) Fehlerkorrekturen
1.0 (2007-07-06) 29 Snowclones / 10 Pseudosnowclones